evolution - prolog (1986-2017)

es ist der 1. august 2019. ich sitze im auto und bin auf dem weg nach hause. rund 500 km sind es noch und ich bin jetzt schon ziemlich fertig. ich habe schlecht geschlafen und zwei harte tattoo-sessions hinter mir. mein hals schmerzt, meine füße schmerzen und sind so geschwollen, dass an schuhe nicht zu denken ist. die aussicht, die kommenden stunden auf der autobahn zu verbringen, ist alles andere als erbaulich. trotzdem bin ich euphorisch wie lange nicht mehr. es ist geschafft! ich bin (fast) am ganzen körper tätowiert. vom hals runter bis zu den füßen. eine einzige große tätowierung. ein bodysuit aus einem guß. ein ganzkörperkonzept vom scheitel bis zur sohle. vor wenigen jahren hätte ich daran nicht mal im traum gedacht. // tätowiert bin ich, seit ich 17 bin. mit einem kleinen schriftzug auf der unterlippe („SKINS“) hat es mitte der 1980er jahre angefangen. dann kamen rasch immer mehr kleinere, später auch größere sachen dazu. ganz losgelassen haben mich tätowierungen seit dem nie wieder. es gab phasen, da waren sie nicht (mehr) so wichtig oder die kohle war zu knapp, um ernsthaft daran zu denken, aber mir war immer klar, dass es damit weitergehen würde. irgendwann. es eilte ja nicht. in den letzten ca. sieben, acht jahren nahm die sache wieder mehr fahrt auf und zum schluss war ich ordentlich bedruckt. beide arme, die halbe front, ein rippenbogen und beide unterschenkel waren ziemlich bunt tätowiert. // vor ein paar jahren entdeckte ich (danke, internet!) einen stil, der mir bis dahin komplett unbekannt war. massive schwarze flächen, die große körperteile oder gleich mal einen kompletten arm bedeckten. bold will hold. heavy blackwork. tätowierungen, die sich sehr, sehr von meinen bisherigen unterschieden und die mich ebenso sehr, sehr beeindruckten. tätowierungen wie ein schlag ins gesicht. wenig konsensfähig und ganz bestimmt nix für die solange-es-gut-gemacht-ist-fraktion. irgendwann stieß ich dann auf den tätowierer 3kreuze, von dem ich mir die ersten - aus heutiger sicht: kleinen - blackwork-sachen stechen ließ. etwas auf den knieen, der wade, einem schienbein. mein freund peter kraftwerk ergänzte ein schwarzes pattern an schultern und hals, yonah krank dotworkte ein paar filler. ich selbst legte auch hand an und versuchte mich auf füßen und dem linken bein mit traditionellem (handpoked) dotwork. insgesamt hatte ich mir in über 20 jahren einen ziemlich wilden stil- und motivmix zusammengesammelt. // ende 2016 fand ich auf instagram einen aufruf von marc „little swastika“ von psyland25: jetzt sei die letzte gelegenheit, sich noch ein großes piece von ihm stechen zu lassen, bevor er seine tätowiermaschine endgültig an den nagel hängen würde (bald sollte ich wissen, dass es weder der erste noch der letzte final call von marc war, aber mittlerweile hat er die tätowiererei tatsächlich aufgegeben - sagt er). ich schrieb ihn an, erkundigte mich nach den modalitäten für einen ganzen rücken und kurz darauf hatte ich einen termin für die erste session. die reise konnte beginnen. nicht im entferntesten ahnte ich zum damaligen zeitpunkt, wohin das alles führen würde.