seuchentagebuch | 18.03.2020

der 3. tag, an dem wir homeoffice von zwei erwachsenen und homeschooling von drei kindern unter einen hut bringen müssen. nicht ganz einfach, aber momentan läuft es (noch?) ganz gut. die tage bestehen aus den versuchen, die eigene arbeit zu erledigen, die mädchen bei laune zu halten, die erwartungen der schule(n) zu erfüllen und den ja auch ohne die seuche nicht unkomplizierten alltag zu organisieren. mein eindruck ist, dass weder die schulen noch mein puff besonders gut auf die aktuelle situation vorbereitet sind. aber, klar, wer ist das schon!? durchwurschteln scheint hier wie da die strategie zu sein. wie sollte es auch anders gehen? // wirklich erstaunlich finde ich allerdings, dass wir alle so tun, als könnten wir am 20. april wieder zur normalität übergehen und das semester eben verkürzt beginnen. so als gelte es lediglich, ein paar wochen versäumten stoff und einige verschobene prüfungen zu nachzuholen. aber was wird im april eigentlich anders sein als jetzt? meine prognose: nix! vielleicht wird sich ein gewöhnungseffekt einstellen, aber an den umständen wird sich doch vermutlich wenig ändern. wird die gefahr der ansteckung geringer sein? wohl nicht. werden wir immun gegen das virus sein? unwahrscheinlich. wird es ein wirksames mittel geben? nach jetzigem stand: fehlanzeige. ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, im april mit 30 oder mehr nasen in einem stickigen seminarraum zu sitzen. anstecken möchte ich mich dann so wenig wie jetzt. ich merke jedenfalls, dass es mir schwerfällt, auf diesen termin hin meine lehrveranstaltungen zu konzipieren. // allerdings stellt sich dieses problem derzeit ohnehin nur theoretisch, denn faktisch besteht meine arbeit momentan durchgängig aus dem beantworten von mails und den versuchen, mit kolleg*innen, der fachbereichsleitung und verwaltung lösungen für die gerade drängenden probleme zu finden. wie funktioniert die verlängerung von abgabefristen, die anmeldung von abschlussarbeiten, wie gehen wir mit den hunderten studierenden um, die gegenwärtig die vereinbarten prakika nicht antreten können... dies und etliche fragen mehr trudeln im minutentakt bei mir ein. mehr denn je gilt: einmal mails abrufen = mindestens zwei stunden arbeit. mein mailprogramm einfach aufzulassen, habe ich mir schon seit langem abgewöhnt. arg ist, dass ich auf die meisten dieser fragen schlicht keine antworten habe. aus gründen der transparenz kommuniziere ich das auch genau so. vermutlich sind das nicht immer die antworten, die erwartet werden, aber was anderes fällt mir momentan auch nicht ein. // die idee, dass ich die angeblichen 'corona-ferien' (wer denkt sich bloß so einen bullshit aus?) dazu nutzen kann, endlich mal den stapel ungelesener bücher abzutragen oder mich den lange liegen gebliebenen texten widmen könne, ist jedenfalls scheißdreck auf stelzen. das gegenteil ist derzeit der fall. bisweilen habe ich das gefühl, dass einige der lieben kolleg*innen auch einfachste fragen an mich delegieren. klar, eine mail weiterzuleiten geht ja auch schneller als mal eben selbst in die prüfungsordnung zu schauen. der ohnehin ungeliebte vorsitzjob erweist sich einmal mehr als sargnagel meines akademischen lebens. ich bereue es im moment mehr denn je, das amt zugesagt zu haben - und weniger als je kann ich mir den posten in der jetzigen situation vom hals halten. // immerhin: um nicht ganz wahnsinnig zu werden, genehmige ich mir zwischendurch einen spaziergang an der frischen luft. die sonne scheint, es ist warm... nicht so schlecht. komisch, unter 'normalen' umständen würden mich keine zehn pferde vor sonnenuntergang vor die türe kriegen, geschweige denn zu sowas sinnlosem wie spaziergängen. aber was ist derzeit schon normal? wenig. // mehr als ratlos lässt mich gerade auch das vollständige ausbleiben einer kritischen gesellschaftlichen debatte zu den sich abzeichnenden maßnahmen autoritärer staatlichkeit zurück. von wenigen ausnahmen abgesehen (ausgerechnet augstein!) scheint momentan alles kommentarlos hingenommen zu werden. ausgangssperren, die suspendierung von grund- und menschenrechten, der shutdown des öffentlichen lebens, die einteilung von berufen in systemrelevant und weniger relevant uswusf. wird kaum in frage gestellt solange es der seuchenbekämpfung dient. ist es überhaupt sinnvoll? wie lange kann das so weitergehen? was macht so ein denken langfristig mit uns? debatte... fehlanzeige. im radio hörte ich heute, dass 80 prozent der bevölkerung die maßnahmen der regierung richtig oder überwiegend richtig finden. das gabs wohl zuletzt im real existierenden sozialismus. gruselig. // richtig übel ist indes, dass ich mich selbst immer wieder dabei erwische, wie ich diesen maßnahmen zustimme. solange draußen genug idioten rumlaufen, die den eindruck machen als wüssten sie nicht, was gerade in der welt passiert und sich entsprechend verhalten, ist doch die ausgangssperre genau das richtige, oder? schon in die falle getappt! aber was ist die alternative? ich habe keine ahnung.