seuchentagebuch | 19.03.2020

immerhin: ich schlafe lange. das hat zwar nur indirekt mit dem virus zu tun, ist aber eine neue, und wie ich einräumen muss, nicht unerfreuliche erfahrung. seit nunmehr 11 tagen bin ich komplett drogenfrei - was mehr ist als in den letzten ca. 15 jahren zusammen - und langsam merke ich, dass es nicht verkehrt ist. chemie steht schon seit ende des letzten jahres nicht mehr auf dem zettel und das rauchen habe ich letzte woche aus einsicht in die notwendigkeit quasi über nacht aufgehört. verschenkt, was zu verschenken war (viel spaß damit, m.!) und den rest kurzerhand in die tonne entsorgt. puh... die ersten tage waren wirklich sehr krass und erst jetzt dämmert mir, wie viel zeit ich in normalerweise verschallert zugebracht habe. aber gerade deswegen ist es definitiv die richtige entscheidung. sicher nicht für immer, aber eine längere pause ist ganz klar angezeigt. da ich, und jetzt kommt doch wieder die seuche ins spiel, momentan abends/nachts nicht viel resp. gar nicht mehr unterwegs bin, gehe ich einigermaßen zeitig ins bett und fühle mich morgens sogar (halbwegs) ausgeruht. ein erstaunlicher nebeneffekt ist, dass ich wieder (wild) träume. ich war ernsthaft der überzeugung, zu den menschen zu gehören, die nicht träumen oder sich zumindest nicht daran erinnern können. momentan geht es nachts im oberstübchen aber ganz aufregend zur sache. ziemlich wirr und surreal, aber gar nicht mal unangenehm und irgendwie passt das ganz gut zur aktuellen lage. vielleicht ist das nächtliche kopfkino ja ein kleiner ersatz für die vielen, vielen ausfallenden konzerte der nächsten zeit!? // kein ersatz sind definitiv die hier und da anberaumten geisterkonzerte. gestern abend habe ich mir den livestream von psychofarmaka (ein selten dämlicher name, btw.) im don't panic angeschaut und bin insgesamt nur mäßig angetan. abgesehen von der doch sehr mauen qualität (ständiges haken und ruckeln, abbrüche im minutentakt) kommt das an ein livekonzert nicht ansatzweise heran. es war ganz nett, die musik viel besser als der name suggeriert und durch die vielen kommentare auch lustiger als erwartet, aber im grunde hatte es nur zur folge, das ich erst recht traurig war, dass sowas in der kohlenstoffwelt auf nicht absehbare zeit nicht mehr möglich sein wird. naja, trotzdem aller ehren wert, dass die band und die crew vom don't panic sowas auf die beine stellen. und besser als die ansprache der kanzlerin, das sich mittlerweile zu einer echten plage entwickelnde geblockwarte auf twitter oder dumpfes netflix-glotzen war es allemal. // sonst bleibt alles beim alten. homeoffice besteht wie gehabt hauptsächlich darin, unzählige mails zu beantworten und versuchen, zu regeln, was eben zu regeln ist. und das ist im moment scheinbar alles. es gibt praktisch keinen bereich, der von der seuche nicht tangiert wird und nach wie vor gibt es wenig klarheit, wie es weitergeht. naja, es wird sich finden. wenn nichts über den tag hinaus bestand hat, ist auf sicht fahren eben das einzig mögliche (mein gott, jetzt rede ich auch schon wie die kanzlerin). // gefühlt zumindest sind die straßen heute deutlich leerer als noch in den letzten tagen. über mittag habe ich mit 2/3 der mädchenbelegschaft ne runde durch den wald gemacht und wir haben unterwegs kaum jemandem gesehen. und um die paar nasen, die uns begegnet sind, haben wir den empfohlenen großen bogen gemacht (und vice versa). über stock und stein und im slalom um die wenigen spaziergänger*innen herum. bizarr! das leben scheint sich aber momentan tatsächlich zunehmend in die eigenen vier wände und, wenn vorhanden, den grünsteifen hinterm eigenheim zu verlagern. einmal mehr werden mir die eigenen privilegien bewusst. was ist mit den armen schweinen, die sich so einen luxus nicht leisten können und/oder gezwungen sind, ihre drecksjobs bis zum bitteren ende durchzuziehen? wenn noch mal jemand behauptet, die corona-krise treffe uns alle gleich, dem springe ich jedenfalls mit dem nackten arsch ins gesicht.