seuchentagebuch | 20.03.2020

coronakrise meets persönliche krise. gestern haben wir den mädchen gesagt, dass wir uns trennen werden und ich zum 01.06. ausziehe. puh... eigentlich wollten wir das später machen, aber wir beiden haben schon ein schlechtes gewissen, es so lange vor ihnen zu verheimlichen, und einen ‚guten‘, richtigen oder auch nur passenden zeitpunkt gibt es für sowas ohnehin nicht. die drei haben es mit fassung aufgenommen, aber sie werden daran zu knabbern haben, soviel ist sicher. ihre erste reaktion: sie schenken mir ihre ikea-gutscheine, damit ich mir möbel kaufen kann. es zerreißt mir fast das herz und gleichzeitig bin ich wieder einmal hingerissen von diesen fantastischen kleinen menschen. den rest des abends verbringe ich heulend auf dem sofa. geisterkonzert am arsch! statt dessen mehr zweifel als zuvor. vermasseln wir es gerade? ich glaube nach wie vor, dass es die richtige entscheidung ist, aber jetzt gilt es, die mädchen ohne schaden durch die zeit zu bringen. wie sind uns einig, dass transparenz, verlässlichkeit und optimismus mehr denn je angesagt sind. die mädchen wissen, dass ich bloß ein paar schritte vom hauptquartier entfernt wohnen werde, sie jederzeit kommen können und ich wohl auch häufig zu ‚gast‘ sein sein werde, um meinen teil der sorgearbeit zu erledigen. anders geht es ohne hin nicht, der alltag muss ja weiterlaufen. // immerhin, zwischen uns erwachsenen gibt es kein böses blut. im gegenteil, seit wir die trennung beschlossen haben, läuft es gut und die entscheidung hat einigen druck aus dem kessel genommen. wir sprechen offen, planen gemeinsam, können sogar witze machen und j. war sogar bei der wohnungsbesichtigung dabei. ein wenig bizarr ist das alles schon, aber was ist es im moment nicht!? // nach dem frühstück bin ich kurz in den puff gefahren. kram unterschrieben, nebenbei die mails gecheckt. was mich dabei ziemlich ratlos macht: von den ca. 40 in den letzten tagen per mail eingereichten seminararbeiten ließen sich lediglich zwei (2) mit namen und verweis auf die lehrveranstaltung eindeutig zuordnen, der rest war lediglich mit ‚adobe.pdf‘ benannt. wo immer auch diese ominösen digital natives zu hause sein mögen, an unserem fachbereich jedenfalls nicht. ansonsten ist es der campus komplett ausgestorben und auch in der verwaltung arbeitet nur die notbesetzung. ab nächster woche ist der laden dann wohl komplett dicht. preußischer beamter, der ich bin, habe ich mir natürlich arbeit mit nach hause genommen. zu begutachten gibts ja immer was. // auf dem rückweg kurz bei muttern vorbei geschaut. ihre derzeitige hauptsorge ist, dass sie ihren rucksack nicht findet. kurz darauf balanciere ich nach ihrer anweisung auf einem küchenstuhl und fische mit ausgestrecktem arm auf dem obersten brett des wandschranks herum. nebenbei erläutert sie mir ihre suchstrategie: zuerst da suchen, wo das teil garantiert nicht ist, schließlich finden sich verlorene dinge bekanntermaßen immer dort wieder, wo man zuletzt sucht. aha! // ähnliche kapriolen berichtet auch kollege olram, der bei seiner alten dame trotz oder wegen der seuche zum fensterputzen antreten muss. ich zitiere (mit seiner erlaubnis): „Seit Januar vertröste ich sie mit dem fahrraduntauglichen Wetter. Jetzt, wo die Sonne scheint sitzt sie auf ihrem neuen Sofa und sieht nur schmutzige Fenster. (...) Schmutzige Fenster sind für meine Mutter so, wie für uns ein Poster von Björn Höcke an der Wand.“ wer könnte sich dieser argumentation entziehen? und wenn mutti ruft, ist ein nein ja ohnehin keine option. // immerhin scheint mutterbullshitblossoms ansonsten ganz einsichtig zu sein. sie gelobt, das haus nur zu absolut dringenden erledigungen zu verlassen und sich strikt an die empfohlenen sicherheitsvorkehrungen zu halten. das war vor ein paar tagen auch noch ganz anders als brudi und ich so synchron wie erfolglos versuchten, sie von der anstehenden augenoperation abzuhalten. einerseits ist der anflug von vernunft also ganz erfreulich, andererseits bedeutet er vor allem eins: die lage ist wirklich ernst.