seuchentagebuch | 24.03.2020

zuerst beschissen, dann gar nicht mehr geschlafen und statt dessen die halbe nacht durchs haus gespukt. entsprechend gerädert bin ich als j. mich morgens auf dem sofa wachrüttelt. schmerzender rücken, verklebte augen, desorientiert. mit wem habe ich die ehre und wo bin ich überhaupt? ich kanns also noch. meine geisterstunden habe ich mit den peaky blinders auf arte (btw. erstes mal glotze an seit ewiger zeit) und, na klar, im internet verbracht, wo sich noch mehr schlaflose geister tummelten. // sehr schnell, quasi in echtzeit kriege ich leider auch die nachricht vom tod gabi delgado-lópez mit. ich war zwar nie ein ausgesprochener fan, aber doch waren DAF immer präsent und haben mich mein ganzes musikafines leben lang begleitet. ihr album 'alles wird gut' (welch passender wunsch zur zeit) gehört bis heute zu den zwar selten, aber immer wieder gerne gehörten platten. und ihren imperativ 'verschwende deine jugend' habe ich viele jahre sehr gewissenhaft befolgt. sehr, sehr traurig. // überhaupt, und ach, die musik. obwohl das letzte konzert gerade mal zwei wochen zurückliegt, kommen mir diese vergnügungen zur zeit unvorstellbar weit weg, regelrecht unwirklich vor. kaum zu glauben, dass ich ‚früher’, also im eben erst zu ende gegangenen vor-coronazeitalter viel zeit damit verbacht habe, meine entsprechenden aktivitäten zu planen, verabredungen zu treffen, mich zu freuen. ich hoffe doch sehr, das konzertbesuche wie fahrrad fahren und ficken zu den dingen gehören, die man nicht verlernt. // trotz extremer müdigkeit ist nach dem eiligen frühstück und der wiederbelebungsdusche driving to work statt stay at home angesagt. meine stimmung als schlecht gelaunt und reizbar zu bezeichnen, wäre eine höfliche untertreibung. im puff dann mails, mails, mails, telefonate und der versuch, trotzdem konzentriert ein paar sachen zu papier zu bringen. aus den eingeplanten eineinhalb stunden werden sechs. ich habe natürlich weder was zu essen, noch zu trinken dabei und aus naheliegenden gründen auch keine möglichkeit, mir was zu besorgen. was war noch gleich das schöne an meinem job? // naja, besser mal die selbstmitleidige fresse halten und mir in erinnerung rufen, dass die wirklich armen schweine gerade bei aldi an der kasse sitzen, für amazon die pakete ausfahren oder die coronapatient*innen übern flur schieben. da kann ich mich wirklich nicht beklagen. // lange überfällig ist die geschriebene (aber dann doch noch nicht abgeschickte) mail, mit der ich mich aus dem letzten wissenschaftlichen projekt verabschiede, an dem ich beteiligt bin bzw. ab morgen: beteiligt gewesen sein werde. die kolleg*innen werden zu recht ziemlich angepisst sein und für mich bedeutet es das einstweilige (endgültige?) ende meines wissenschaftlichen daseins. 15 jahre habe ich mich dafür reingehängt, habe in prekären projektstellen um die nächste vielleicht-müssen-wir-mal-sehen-evtl-klappts-ja-beim-nächsten-mal-verlängerung gekämpft und bin buchstäblich über jedes stöckchen gesprungen, das sie mir mit der aussicht auf eine festanstellung hingehalten haben. jetzt merke ich, dass alles das, was mir daran trotz all dem elend immer spaß gemacht hat, mit dem jetzigen job nicht zu vereinbaren oder nur über den modus permanenter selbstausbeutung zu haben ist. wissenschaft als bizarres feierabendvergnügen mit der aussicht, irgendwann am schreibtisch zu krepieren. na, vielen dank auch. verschwende deine jugend - ja und gerne. verschwende den rest deines lebens - dann doch lieber nicht.