seuchentagebuch | 25.03.2020

wer sonst nichts zu erzählen hat, redet übers wetter. seit tagen strahlend blauer himmel. arschkalt zwar, aber kein wölkchen zu sehen. abgesehen davon, dass sowas ja auch ohne corona selbst für drinnis wie mich ganz gut für die stimmung is... sein soll, bin ich auch hinsichtlich der familiären verhältnisse ganz froh darüber. nicht auszudenken, was hier bei regen, schnee, sturm usw. los wäre. so kommen wir immerhin noch an die luft und die mädchen können sich im garten und/oder auf ihrem ‚trampo‘ austoben. // gerade gestern war noch ein gärtnertrupp (!) unserer wohnungsbaugesellschaft da und hat den hügel hinterm haus neu begrünt. damit die mädchen es schön haben, wenn (falls) sie im sommer wieder kreischend die nachbarschaft aufmischen (können). aber im ernst, im grunde ist es unfassbar. alle welt faselt von stay at home, in leipzig und berlin machen die bullen zur durchsetzung der ausgangsbeschränkungen einen auf polizeistaat und hier fährt die gartenbaukolonne mit fünf mann dicht gedrängt im pritschenwagen vor. ob man im falle einer auf lohnarbeit zurückzuführenden ansteckung eigentlich seinen arbeitgeber verklagen kann? vielleicht würden die aussicht auf persönliche haftung und fette strafen die verantwortlichen ja davon abhalten, ihre beschäftigten so zu verheizen? // gut ist wiederum, dass auch die von den mädchen so geliebten ausflüge zu den pferden zur zeit, wenn auch eingeschränkt und nur im schichtbetrieb noch machbar sind. die biester - mensch wie tier - müssen ja bei laune gehalten und versorgt werden. ich bin wirklich dankbar, dass die ansonsten von mir ziemlich skeptisch beäugten reitstallmenschen das momentan noch zulassen. auch das muss mit auf die liste unserer privilegien. // vor dem vergnügen steht allerdings das elend und das heißt schulkram. mittlerweile eine echte tortur für alle beteiligten. obwohl ich bildung auch in ihrer klassischen, bürgerlichen spielart für ein wichtiges gut halte, frage ich mich ernsthaft, warum wir uns mit dem bullshit herumquälen müssen, den die lehrer*innen gerade für unverzichtbar halten. die erste plagt sich allen ernstes mit den ‚perserkriegen bis zur schlacht bei den thermopylen‘ herum. das material ist natürlich vollkommen kontext- und ideenlos aus einem geschichtsbuch kopiert. eine didaktische meisterleistung, herr oberstudienrat. nicht mal ansatzweise wird versucht, einen bezug zur gegenwart (und damit meine ich nicht mal corona) oder zur lebenswelt der kinder herzustellen (was selbst bei diesem thema möglich wäre). statt dessen: geschichte um der geschichte willen. wie zu schüler pfeiffers zeiten. anders formuliert: herodot am arsch! // g. geht es auch nicht viel besser. immerhin kann sie aber während der erledigung der aufgaben mit ihrem in sachen elektrik versierten opa facetimen, weil sie hilfe beim zeichnen eines stromkreislaufs (oder so) und dem korrekten beschriften einer glühbirne braucht. naja, wer weiß, wenn es hart auf hart kommt, ist dieses wissen vielleicht mal wertvoll. im falle der zombieapokalypse dürften uns ihre heute erworbenen kenntnisse um die leitfähigkeit von gummi sicher sehr weiterhelfen. // dabei habe ich den eindruck, dass die mädchen in der aktuellen situation auch ohne die lahme animation auf moodle unglaublich viel lernen. sie sind interessiert, stellen fragen, machen sich sich sehr ernsthafte und kluge gedanken zu dem, was gerade um sie herum passiert. ich bin immer wieder verblüfft, was sie alles mitkriegen und welche schlüsse sie daraus ziehen. wenn bildung (auch) die entwicklung von urteilsfähigkeit in der auseinandersetzung mit welt ist, haben wir dafür derzeit jedenfalls idealbedingungen. // ansonsten: die gestern geschriebene mail verschickt. das hat mich doch mehr angefasst als erwartet. trotzdem gut. gesundheit ist wichtiger als weiterhin im nebengewerbe den privatgelehrten zu mimen. im anschluss eine runde um den block mit der ersten. wir beide haben die schnauze voll vom schreibtisch. sie storcht auf ihren inlinern vorweg, ich storche in docs hinterher und wir plaudern so gut es eben in dieser konstellation geht. damit wäre der höhepunkt des tages aber auch schon benannt. der rest kann weg.