seuchentagebuch | 27.03.2020

zeitig (naja) im bett gewesen und entsprechend früh (naja) bin ich wach (naja). nach der ersten runde nachrichtenchecken (476 weitere werden im laufe des tages folgen) bin ich im grunde schon bedient und könnte wieder ins bett. neben den unerträglichen meldungen über die vielen toten, die menschlichen tragödien, die ich vor ein paar wochen noch für schlicht undenkbar und stoff aus einem billigen endzeitroman gehalten hätte, machen mich die allenthalben zu lesenden nachrichten über die zunehmende selbstermächtigung der exekutive ziemlich fassungslos. angesichts der krise scheinen rechtsstaatliche beschränkungen und freiheitsrechte keine konstitutiven prinzipien eines demokratisch verfassten staates, sondern flexibel zu disponierende und je nach bedarf zu suspendierende vergünstigungen zu sein. ein blick auf die entsprechenden hashtags bei twitter oder das corona-tagebuch der cilip und ich habe den eindruck, rote linien werden im stundentakt überschritten. sind das noch maßnahmen autoritärer krisenbewältigung oder steht da schon schlimmeres vor der tür? // ich bin üblicherweise ein strikter gegner von faschismusvergleichen und dererlei unsinn. das ist mit blick auf deutschland (in ungarn, brasilien usw. siehts schon anders aus) ganz und gar unangemessen und relativiert den ns-faschismus. aber was sich gerade abzeichnet erinnert mich frappierend an die analysen in ernst fraenkels ‚doppelstaat‘. entscheidungen werden nicht nach geltendem recht, sondern je nach situativer lage getroffen. erlaubt ist, was der seuchenbekämpfung dient. es 'fehlen die normen und herrschen die maßnahmen' (fraenkel). deutschland, mir grausts vor dir! // ebenso entsetzlich, nein, sogar noch entsetzlicher sind die nachrichten, dass über 80-jährige patient*innen in einigen krankenhäusern (im elsass) nicht mehr beatmet werden, weil die kapazitäten nicht ausreichen. junge menschen und/oder solche mit besserer medizinischer prognose haben vorrang. für die alten bleibt bestenfalls sterbebegleitung. gruselig! irgendeine knallcharge in den usa hat sogar öffentlich gefordert, diese logik zum programm zu machen. die alten sollen sterben, damit die jungen überleben und die wirtschaft am laufen bleibt. das ist noch nicht mal mehr raubtierkapitalismus. statt solche typen umgehend aus dem kreise der zivilisierten menschheit auszuschließen, werden dererlei selektionsfantasien offenbar noch als ernsthafter debattenbeitrag gewertet. sollten sich solche überlegungen tatsächlich auf breiter front durchsetzen, sind wir nicht mehr weit von der eugenischen menschenökönomie des letzten jahrhunderts entfernt. ich kotze! // wie komme ich denn von hier aus wieder zu den trivialitäten des alltags? eigentlich gar nicht. aber er findet ja statt. wenig überraschend ist er nach wie vor von den versuchen geprägt, arbeit und schule irgendwie unter einen hut zu bringen. das saugt mittlerweile richtig. mittags bin ich kurz davor, wutentbrannt einen lehrer anzurufen und zu fragen, wie er sich das alles eigentlich vorstellt. naja, das wäre wohl keine gut idee. // im laufe des tages wird mir klar, wie viel zeit wir eigentlich gerade für die nahrungszubereitung verwenden. normalerweise essen die mädchen mittags in der schule, nun müssen wir das hier übernehmen. ist ja schön und küchenkram macht mir meist spaß und geht auch gut von der hand, aber bei der tages- und einkaufsplanung ist das ein nicht zu unterschätzender faktor. // was erfreuliches? was erfreuliches! am abend gibts die jenz bumper one-man-orchestra-show auf facebook. im gegensatz zu den vielen geister- bzw. onlinekonzerten, die mich nur bedingt interessieren, oder dem geschrammel, mit dem gelangweilte musiker*innen gerade die social media-kanäle überfluten, freue ich mich wirklich darauf. jenz ist ein gnadenlos guter entertainer und hat ausweislich seiner nicht eben bescheiden daher kommenden trailer offenkundig auch großen bock auf die show. das ganze erweist sich dann als sehr unterhaltsame mischung aus überdrehtem klamauk, quiz, musik, lesung und geplauder mit zugeschalteten gästen. das erinnert mich auch durch die ästhetik seines wg-zimmers irgendwie an das trashige viva-tv der anfangszeit. in dieser tradition verortet er sich auch, wenn er darauf besteht, dass es sich bei dem ganzen um eine fernsehshow handele und er kein 'fucking youtuber' sei. ok, ein paar längen hats zwischendurch, nicht alles zündet und manches ist wohl nur für eingeweihte lustig. aber hey, immerhin ist es die premiere und ein bisschen luft nach oben muss ja noch für die kommenden shows sein. nach lage der dinge werden wir ja noch häufiger freitagsabends auf dem sofa sitzen müssen. und da ich weiß, dass der künstler dem egosurfing grundsätzlich nicht abgeneigt gegenüber steht: jens, falls du das liest, von mir kriegste ne 2+.