seuchentagebuch | 02.04.2020

glück im unglück: die mädchen haben vergessen, dass gestern der 1. april war und konnten die geplanten streiche (in ihren unschönen worten: pranks) nicht ausführen. ich vertröste sie auf nächstes jahr und drohe - wozu habe ich schließlich pädagogik studiert? - schrecklichste strafen für den fall an, dass sie es doch noch versuchen. // pech im unglück: ich muss einkaufen gehen. wegen planerischer unzulänglichkeiten in gleich drei läden. drei mal schlange stehen, mich drei mal durch so enge gänge quetschen, dass jeder sicherheitsabstand vor dem laden und an den kassen ad absurdum geführt wird, drei mal exakt die dinge nicht finden, die aufm zettel stehen. pain in the ass! zum ersten mal erlebe ich, dass die einkaufswagen beim eintritt ins geschäft desinfiziert werden. der junge mann spendiert mir sogar noch einen schuss desinfektionszeugs für die hände. das ganze wird wohl eher symbolischer als wirksamer natur sein, vermute ich, aber beruhigend finde ich es trotzdem. vielleicht könnte professor drosten ja dazu mal einen podcast einsprechen!? // richtig beeindruckt bin ich dann allerdings von dem etwas abgerissenen typen in der nebenschlange, der sich die wartezeit bis zum bezahlen mit seinem frisch erworbenen büchsenbier vertreibt. sechserträger auf, klickklack, rein damit. prost! schneller gehts dadurch zwar auch nicht, aber er macht einen ziemlich entspannten eindruck. gibts eigentlich (genießbaren) gin tonic in dosen? // beängstigendes im unglück: im (erweiterten) bekanntenkreis gibt es einen coronatoten. ich kenne ihn zwar nicht persönlich, aber mir reicht es, jemanden zu kennen, der ihn kannte. 54 - gerade mal drei jahre älter als ich. uff, das sitzt. überhaupt mache ich mir langsam ernsthafte sorgen, was das ganze elend eigentlich mit den mädchen macht. auf den ersten blick scheinen sie nicht (sehr) beunruhigt. sie wissen, um was es geht, stellen fragen usw., aber nach wie vor genießen pferde, pferde und, klar, pferde uneingeschränkte priorität. sie sind vergnügt (zumindest solange j. sie nicht behomeschoolt), rotzfrech und widerspenstig (vor allem wenn j. sie behomeschoolt) und verzanken, vertragen, verzanken, vertragen... sich wie gehabt im stundentakt. nichts neues soweit. aber sie kriegen doch auch unsere eher düsteren gespräche mit, die sich natürlich ziemlich bis sehr häufig um die situation da draußen drehen. was gibts sonst schon für gesprächsthemen zur zeit? unsere sorgenfalten dürften den hühnern jedenfalls nicht entgehen. der beschluss: die nicht für kinderohren geeigneten dinge besprechen wir künftig etwas konsequenter ohne kinderohren. irgendwann werden wir unseren schlafrhythmus ja wieder so synchronisiert haben, dass wir beide gleichzeitig wach und die mädchen im bett sind. // kompliziertes im unglück: zwischendurch stehe ich in der küche, bereite das abendessen vor, höre musik. plötzlich steht m. neben mir und hält mir den telefonhörer hin. häh? ach ja, da war ja was. großvater hat vergessen, dass er eine telefonsprechstunde angeboten hat. stichwort: virtualisierung der klassenzimmer und so. also kochen und telefonieren gleichzeitig. ja, richtig das thema können sie ruhig in der thesis verwenden, hatten wir ja so bespr... moment bitte... etwas salz, eine prise pfeffer, umrühren... ja, da bin ich wieder... wo waren wir stehengeblieben? aber so geht das auf dauer nicht. also pendele ich zwischen küche und arbeitszimmer. das ergebnis ist dann kulinarisch entsprechend. lies: mies. // große freude im unglück: ein abendlicher waldspaziergang mit dem stillen teilhaber. ich bin so froh, mal wieder einen nicht zur familie gehörenden menschen außerhalb einer warteschlage zu treffen, dass ich kurz davor bin, einen baum zu umarmen. DAS wird ja wohl noch erlaubt sein. weil coolness verpflichtet, haben wir uns standesgemäß ein paar wegbiere mitgenommen und so marschieren wir durch wald und felder, mal plaudernd, mal jeder den eigenen gedanken nachhängend. im stoffbeutelchen klockern leise die biere. es wird letztlich ein erstaunlich langer ausflug. es ist dunkel, als ich wieder zu hause ankomme. der teilhaber sagt allerdings, das sei allenfalls eine mittlere kleine runde gewesen. ich meine, es war mindestens eine kleine mittlere, wenn nicht sogar mittlere mittlere runde. auf jeden fall wars allein aus psychohygienischen gründen eine gute sache. als abendprogramm immer noch nicht das, was mich urbancowboy wirklich froh macht, aber besser als tot sein ist es allemal.