lektüre | silvia tennenbaum: straßen von gestern (schöffling & co)

ich gebe es nur ungern zu, aber mein lesepensum hat in letzter zeit ziemlich gelitten. obwohl mangels alternativen eigentlich genug zeit für dicke schwarten wäre, fehlen mir abends und an den wochenenden meist lust und konzentration, um mich auf längere texte einzulassen. umso erfreulicher, dass ich durch einen tipp von h. auf das buch von silvia tennenbaum aufmerksam wurde. seit langem mal wieder eine lektüre, auf die ich spontan lust hatte - und die mich nicht enttäuschte. // das buch erzählt die geschichte der jüdischen familie wertheim aus frankfurt am main von der kaiserzeit bis zum ende der shoa über vier generationen hinweg. angefangen von moritz wertheim und seiner frau hannchen, ihren fünf söhnen und deren kindern bis zur 17-jährigen urenkelin clara/claire, die im sommer 1945 im amerikanischen exil zufällig durch einen brief ihres onkels benno von der systematischen ermordung der deutschen und europäischen juden erfährt. im nachklapp las ich, dass die autorin selbst 1938 als zehnjährige mit ihrer familie vor den nazis nach new york flüchtete und vermute mal, dass ihre (familien-)biografie an der ein oder anderen stelle in die erzählung eingeflossen ist. //  geschildert wird die welt einer durch und durch bourgeoisen großfamilie und ihr von keinerlei materiellen sorgen geplagter lebensstil, in dem störungen und abweichende verhaltensweisen - homosexualität, affären und unglückliche liebschaften, eigenmächtige berufs- und studienwünsche, das liebäugeln mit dem kommunismus - keinen platz haben. immer wieder ist es der zum familienpatriarch aufgestiegene eduard wertheim, der solche probleme mittels beziehungen, geld und nüchternem kalkül aus der welt schafft. ausgestattet mit dem elitären und selbstsicheren habitus seiner klasse manövriert er seine finanziellen unternehmungen ebenso wie die geschicke seiner familie durch die sich ändernden politischen verhältnisse. man erfährt von einem elitären milieu, das mit die 'oberen zehntausend' wohl treffend beschrieben ist. unbestrittener bezugspunkt der familie ist und bleibt die lebens- und denkweise der politisch und ökonomisch herrschenden klasse - und (fast) alle protagonist*innen sind bestrebt, sich den damit verbundenen erfordernissen anzupassen. // vom jüdischen glauben und dem damit verbundenen brauchtum hat sich die familie indes bereits im kaiserreich so weit entfernt, wie es eben geht. jüdische rituale und symbole spielen in der welt der assimilierten wertheims keine große rolle. genaugenommen werden sie nur von außen und keineswegs erwünscht an ihren glauben erinnert, etwa wenn die familie ausgerechnet zu weihnachten durch die orthodoxe verwandtschaft mit einer menora bedacht wird und vor allem, wenn der allgegenwärtige antisemitismus mal subtil, mal mit aller obszönen brutalität von außen in die abgeschottete welt der wertheims dringt. so sehr sich die familie bemüht, ihre jüdische geschichte unsichtbar zu machen, so wenig lässt die umwelt sie vergessen, dass ihnen genau dies als unsichtbarer 'makel' anhaftet und sie trotz materiellem wohlstand, akademischer reputation und ihres großzügigen mäzenatentums nicht zur deutschen gesellschaft gehören sollen. // unglaublich deprimierend ist die erzählung vor allem in den letzten kapiteln, wo sie die nach 1933 zunehmende diskriminierung und entrechtung der jüdischen deutschen, den gegen sie gerichteten terror, ihre vertreibung und schließlich ermordung schildert. einige weitsichtige familienmitglieder flüchten bereits nach 1933 ins ausland - die schweiz, frankreich, holland -, aber beim lesen ahnt man schon, dass auch dies nur zwischenstationen sein werden. andere familienmitglieder harren in frankfurt aus und warten mal ungläubig, mal resigniert auf das, was der entrechtung folgen wird. und das ist wie für die meisten deutschen jüd*innen der tod. der arzt jonas süsskind nimmt sich am 9. november 1938, kurz bevor die sa-schergen die türe seines hauses aufbrechen, das leben. seine schwester caroline gerät in die maschinerie der nazistischen krankenmorde. andreas, der neffe eduards stirbt im ghetto lodz. der buchhändler jacob wertheim wird aus holland nach auschwitz deportiert und ermordet, seine nicht-jüdische frau lore wird beim versuch, ihn zu finden, vor dem konzentrationslager buchenwald erschossen. das ist wirklich harte kost und obwohl ich mich literarisch und wissenschaftlich intensiv mit dieser materie beschäftigt habe, fand ich die szenen der deportation, vergasung nur schwer erträglich. // insgesamt ein starkes, und obwohl jeder historische vergleich an dieser stelle natürlich mehr als hinkt, ein irgendwie sehr passendes buch zur zeit. der sich durch das gesamte buch ziehende antisemitismus erinnert mich in seiner unbegriffenen, durch keine fakten, durch keine argumente zu widerlegenden weltsicht frappierend an das, was wir aktuell bei den öffentlichen auftritten der verschwörungstheoretiker*innen, der esoteriker*innen, der rechten hetzer*innen, der corona- und klimaleugner*innen, des irrationalen pöbels fast täglich besichtigen können. - Wo 'Haß herrscht', formuliert die haushälterin anna an einer stelle, 'gibt es weder Sinn noch Verstand'.